Wie weit die musikalischen Grenzen in Europa wirklich sind, zeigt sich am Beispiel der Sängerin Esra Dalfidan, die sich zwischen der türkischen Heimat ihrer Vorfahren, ihrem Geburtsort Solingen im Rheinland und der Jazz-Metropole Amsterdam bewegt, ihrem heutigen Lebenszentrum und Wohnort. Vor rund 33 Jahren wurde sie in Solingen als Tochter eines türkischen Ehepaars geboren. Nicht zuletzt durch den Taxi-Beruf des Vaters hatte die Familie ganz offensichtlich im Rheinland in jeder Hinsicht Fuß gefasst. Nein, irgendwelche Probleme als Türkin hat sie nie gehabt in der Stadt, in der heute der schrecklichen Ereignisse vor 20 Jahren gedacht wird, als das Haus einer türkischen Familie nach rechtsradikal intendierter Brandstiftung abbrannte und fünf Mitglieder einer Familie dabei den Tod fanden. Sie absolvierte die normale Schullaufbahn und beschäftigte sich seit den Kinderjahren mit Musik, sang immer wieder mit großer Begeisterung und lernte klassische Gitarre. Nach dem Schulabschluss studierte sie Musiktherapie und arbeitete auch einige Zeit in dem Beruf. Doch immer mehr schob sich die Musik bei ihr in den Vordergrund. Sie nahm weiter Unterricht in Gitarre, lernte Improvisation und vieles mehr. Und dann kam der Wunsch, vor allem zu singen, endlich zum Durchbruch. Sie bemühte sich um einen Platz an der Musikhochschule in Köln, bewarb sich dann aber in Amsterdam am Konservatorium, wo sie schließlich im Alter von 26 angenommen wurde. Aus der Rückschau findet sie gut an dem Schritt, dass die Ausbildung in den Niederlanden im Vergleich zu Deutschland viel schulmäßiger und auch schneller abläuft. Und natürlich erlebt sie alle Qualitäten des Lebens in der Stadt am Singel, beginnend mit den Schwierigkeiten, eine Wohnung zu finden, aber vor allem verbunden mit dem Genuss, in der Stadt mit den
vielen Gesichtern und dem großartigen Jazz zu sein. Sie lernte alles über die großen Sängerinnen wie Ella Fitzgerald oder Billie Holiday, das American Songbook und vieles mehr.


Schließlich hat der Jazzgesang auch in den Niederlanden eine große Tradition bis in die Gegenwart, verfolgt man die lange Liste der unterschiedlichen Sängerinnen im Nachbarland von Greetje Kauffeld bis Greetje Bijma. 2004 gründet sie eine Band mit dem passenden Namen FIDAN zusammen mit ihren Kommilitonen Franz von Chossy, Klavier, Tobias Klein, Bassklarinette, Sean Fasciani, Kontrabass, und Uli Genenger, Schlagzeug, überwiegend aus deutschen Landen wie sie, die nach dem Studium ihre neue Heimat in Amsterdam gefunden haben und sich dort nun mit viel Erfolg durch die Konzertszene, Festivals und Wettbewerbe arbeiten. Der Bassist, gebürtiger Amerikaner, ist inzwischen in seine Heimat zurück gegangen. Seine Nachfolge angetreten hat der Niederländer Clemens van der Veen. Esra gewann im Februar 2007 in Zwolle den 7. Concours
Nederlands Jazz Vocalisten. Noch heute schwärmen Jurymitglieder davon. Franz von Chossy gewann im vergangenen Jahr die Dutch Jazz Competition, bei der Esra in diesem Jahr bereits das Halbfinale erreicht hat. Ob sie ins Finale am 12.07. während des North Sea Festivals kommt, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. Aber sie hat schon auf jeden Fall ein Konzert auf dem Festival in Rotterdam
am 11. Juli. Damit nicht genug mit den Preisen, sie hat auch das Finale des finanziell gut ausgestatteten niederländischen Deloitte Jazz Award erreicht. Und für September ist sie für das bundesweite Finale des Weltmusik37

Wettbewerbs „Creole“ als Vertreterin
aus Nordrhein-Westfalen benannt. Und endlich fand sie nun auch mit Challenge ein wichtiges Label, das ihre erste CD vor einigen Monaten veröffentlichte: „FIDAN – Colors“. Nicht zuletzt diese neue Publizität öffnete ihr auch den Weg über die niederländischen
Grenzen hinweg, auch nach Deutschland. Ihre Musik überzeugt vom ersten Ton an, sei es dass sie hoch hinaus will mit dem Eröffnungstitel „Everlasting asking“, sich mehr oder weniger ironisch über „Gossip“ auslässt oder in regelrecht kongenialem Zusammenspiel mit ihrem Piano-Kollegen ein begeisterndes „Blue“ zelebriert. Unter die Haut geht ihre Lyrik, ein selten poetischer Gesang, bei dem ganz besonders der schon erwähnte Zusammenklang mit dem Pianisten hervorsticht. Doch der Boden, die Grundlage für ihre Vokalkunst liegt im türkischen Orient, in der Sphäre ihrer Eltern und Voreltern, die sie bis heute für sich bewahrt hat, die ihren Ausdruck prägt, natürlich in den beiden aus Aserbeidschan stammenden Titeln „Sen Gelmez Oldun“ oder „You never came back“ und „Yalgizam“ oder „I am lonesome“, aber auch darüber hinaus, sei es im persönlichen Ausdruck, den beschwörenden Ausbrüchen, wie bei „Worth while“ oder in den sehr persönlichen Texten wie dem eindringlichen „Take my heart in time – for you never know, take it just in time!“ bei „Endless“ oder „Dizzy“, ein in mehrfacher Hinsicht anregender Titel, in dem sich auch die Partner in besonderer Weise profilieren können, der farbige Bass von Sean Fasciani, das immer die richtigen Akzente setzende, scheinbar unauffällige Schlagzeug von Uli Genenger, das höchst einfühlsame Klavier des Franz von Chossy oder die virtuose Bassklarinette von Tobias Klein. Auch Esras virtuoser wort-loser Scat-Gesang kommt bei diesem Titel sehr schön zur Geltung. Nicht zufällig handelt es sich bei den beiden traditionellen Stücken um Songs aus Aserbeidschan: Mut gemacht hat ihr die Karriere der Azizah Mustafa
Zadeh aus dem oben genannten Land, deren Familie sich ebenfalls in Deutschland niedergelassen hatte und die sich immer mehr des Themas Gesang angenommen hat. Doch keine Angst, direkt von ihr übernommen hat Esra nichts, sie pflegt ihre eigene Kunst, aber gleichermaßen hoch inspiriert wie das genannte „Vorbild“.. Insgesamt ein überzeugender erster CD Auftritt dieser höchst beachtenswerten Sängerin und ihrer Kollegen, deren Kunst offenbar gerade in dem Jazzland Niederlande
gut gedeihen kann. Wir freuen uns auf das nächste Projekt!


Text: Hans-Jürgen von Osterhausen Foto: Paolo Sorini
CD Esra Dalfidan’s „FIDAN – Colors”, Challenge Records, CHR 70143